Angst sicherte früher das Überleben, wird sie jedoch übermächtig, schränkt sie dein Leben ein. Mit Neugier kann man die Angst austricksen.
Wissen ist Macht
Angst hat einmal das Überleben gesichert. Sie hat uns wach gehalten, schnell reagieren lassen, geschützt. Aber wenn sie übermächtig wird, tut sie das Gegenteil: Sie macht das Leben enger, leiser, kleiner. Die gute Nachricht ist: Neugier kann der Angst die Stirn bieten. Nicht durch Kampf, sondern durch eine andere Haltung. Es ist eine Entscheidung – oder besser gesagt, eine innere Einstellung, die du immer wieder neu triffst. Wie erlebst du deine Umwelt? Ist sie interessant, oder kennst du das alles schon? Lässt du dich noch begeistern?
… und Neugier der Schlüssel
Wer abgeklärt mit allem umgeht, hat aufgehört, das Leben als Wunder zu sehen. Dabei sollte es doch Spaß machen und keine Belastung darstellen. Neugier hält dich wach, aufmerksam und lebendig. Das Gegenteil kennen viele: Wenn ich davon ausgehe, dass nichts Neues mehr passiert, bin ich gefangen in meinen Vorurteilen. Abgestumpft und gelangweilt. Schaue ich aber neugierig auf das, was gerade heute passiert, bleibe ich im Staunen. Das Leben ist immer wieder wunderbar – ich erschaffe mir meine eigene Wahrheit.
Ein schönes Beispiel dafür ist der Hamburger Lehrer Jan Kammann, der ein Jahr lang 14 Länder bereiste, um die Kulturen und Herkunftsländer seiner Schüler*innen kennenzulernen. Das baut Brücken und reduziert Ängste auf beiden Seiten. Neugier als Haltung – nicht als Leistung.
Gerade wenn es um Angst geht, kann ein mehr an Wissen dazu beitragen, sie zu überwinden. Es ist eine Entscheidung, die du triffst, oder eine Haltung, die du einnimmst. Die innere Einstellung entscheidet über die Qualität deines Daseins: Wie erlebst du deine Umwelt? Ist sie interessant oder kennst du das alles schon? Lässt du dich noch begeistern? Wer schon abgeklärt mit allem umgeht, hat aufgegeben und betrachtet das Leben nicht mehr als ein Wunder. Dabei sollte das Leben doch Spaß machen und keine Belastung darstellen. Neugierig lebst du länger und zufriedener, denn das ganze Leben ist ein Abenteuer! Das ist zumindest meine Wahrheit.
Wie viele Fragen stellst du noch?
Kinder haben eine natürliche Neugier, die Gier nach Neuem: Zweijährige stellen ihren Eltern über hundert Fragen pro Stunde. Hundert. Pro Stunde. Im Laufe des Lebens lernen wir, Situationen schnell einzusortieren: gut oder schlecht, bekannt oder bedrohlich. Das spart Energie, aber es kostet uns die Offenheit. Wissensdurst muss dann schon aktiv geschürt werden – nicht nur bei Kindern, sondern gerade auch bei Älteren. Wer sich zurückzieht und aufhört, sich zu fordern, beraubt sich selbst der Lebenskraft. Du musst dabei kein Meister deines Faches werden. Es reicht, Spaß am Lernen zu entwickeln:
“Einmal im Jahr solltest du einen Ort besuchen, an dem du noch nie warst.” Dalai Lama
Wozu sollten wir Neugier kultivieren?
Um neugierig auf die Welt zu schauen, müssen wir Konzepte und Vorstellungen, durch die wir die Welt bisher gesehen haben, zumindest kurz loslassen. Das, was wir von früher wissen, muss nicht die einzige Wahrheit sein. Schauen wir mit dem Herzen hin, statt mit dem Urteil. Die Idee ist es, aufnahmefähig zu bleiben und den eigenen Gefühlen Raum zu geben.
“Damit jemand im Stande ist, wahrhaft Mitgefühl gegenüber anderen zu entwickeln, benötigt er oder sie zunächst eine Grundlage, auf der Mitgefühl kultiviert werden kann. Diese Grundlage ist die Fähigkeit, mit seinen eigenen Gefühlen verbunden zu sein und für sein eigenes Wohlergehen zu sorgen. (…) Fürsorge für andere setzt Fürsorge für sich selbst voraus.” Dalai Lama
Nur wer sich selbst annehmen kann, wie er oder sie ist, kann offen sein – und Mitgefühl entwickeln. Neugier und Mitgefühl (Maitri) gehören zusammen. Beides verhelfen dir zu einem lässigeren Leben, in dem du die Schönheit des Augenblicks erfährst. Nervt der Nachbar oder die Kollegin, trete ich innerlich einen Schritt zur Seite und frage mich: Was nervt mich gerade an mir selbst? Meistens steckt hinter meiner Ungeduld eine Angst, etwas nicht zu schaffen oder zu verpassen. Und genau da hilft die Neugier: Was ist das eigentlich, was mich gerade bewegt?
Jeder Mensch hat etwas Liebens- oder Schätzenswertes, das nur gefunden werden will.
Verbunden bleiben
Das Interesse an anderen Menschen und deren Schicksalen führt zu Mitgefühl und Anteilnahme. Du bleibst achtsam in Kontakt, erhältst Freundschaften und knüpfst vielleicht sogar neue – auch mit Menschen der jüngeren Generation, die ganz andere Ängste kennen als wir. Angst vor Vereinsamung, nicht mehr mithalten zu können, nicht zu verstehen, was passiert – all das verliert an Gewicht, wenn du dich verbunden fühlst. Wie im Yoga: Du gehst mit dir und mit anderen in Kontakt und bleibst verbunden. Diese Verbindung muss immer wieder neu gesucht werden. Das darf spannend sein, nicht mühselig. Anstatt zu resignieren und starrköpfig zu werden, bleibst du flexibel im Kopf.
Du gehst seit Monaten nicht mehr zum Stammtisch, weil du befürchtest, nichts Interessantes beizutragen. Beim nächsten Mal gehst du hin – nicht mit dem Ziel zu glänzen, sondern mit der Frage: Was werde ich heute von jemandem erfahren, das ich noch nicht weiß? Das verändert alles.
Geistig aktiv gegen Alzheimer
Neurowissenschaftler*innen haben herausgefunden, dass mentale Herausforderungen und eine gesunde Wissbegier das Gehirn nachweislich schützen. Lernen schafft immer wieder neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen – die Formbarkeit des Gehirns, die sogenannte Neuroplastizität, bleibt laut einer Übersichtsarbeit der Fachzeitschrift Lernen und Lernstörungen bis ins hohe Alter erhalten. Wer aufhört, sich zu fordern, verliert nicht nur Freude – sondern auch neuronale Flexibilität. Eine Langzeitstudie mit fast 3.000 älteren Erwachsenen, die vom US-Gesundheitsinstitut NIH finanziert wurde, zeigte: Gezieltes kognitives Training senkte das Risiko, an Alzheimer oder einer anderen Demenz zu erkranken, um 25 Prozent. Selbst wenn eine Erkrankung irgendwann eintritt, zeigen sich die Folgen bei geistig aktiven Menschen später. Bleib neugierig – nicht als Pflicht, sondern weil dein Gehirn sich darüber freut.
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