Mit drei Büchern zum Thema Wut stelle ich Überlegungen an, warum das für Yogis interessant sein kann.
Gibt es wütende Yogis?
Wenn wir davon ausgehen, dass alle Menschen Gefühle haben, gehören eben auch die schlechten dazu. In der Yoga- und spirituellen Szene gilt man als nicht sehr weit, wenn man seine Gefühle nicht „im Griff“ hat. Da ist auch yogisch betrachtet etwas dran: Erst wenn Emotionen beruhigt (nicht beherrscht!) werden, wird der Geist ruhig und man erlangt Erkenntnis oder Erleuchtung.
Die Frage ist: „Können das alle Yogis schon?“
Einige sicherlich, andere unterdrücken störende und unangemessene Gefühle. Diese verschwinden aber leider nicht, sondern marodieren im Unterbewussten weiter. Und schießen dann zu einer unpassenden Gelegenheit hervor! Wäre also sinnvoll, hinzuschauen, sie anzunehmen („Schön, dass du da bist.“) und sie zu integrieren als die Kräfte, die sie nun mal sind. Gerade in Wut und Ärger steckt ein großes Potenzial!
„Nur nenne keine Empfindung klein, keine Empfindung unwürdig! Gut, sehr gut ist jede, auch der Hass, auch der Neid, auch die Eifersucht, auch die Grausamkeit. Von nichts andrem leben wir als von unsern schönen, herrlichen Gefühlen, und jedes, dem wir unrecht tun, ist ein Stern, den wir auslöschen.“ (Hermann Hesse)
„Weibliche Wut“ von Almut Schmale-Riedel
Interessant ist die Idee, dass Wut für andere Gefühle stehen kann. In „Weibliche Wut: Die versteckten Botschaften hinter Ärger und Co. erkennen und nutzen“ von Almut Schmale-Riedel. Sie ist Transaktionsanalytikerin und geht sehr behutsam mit dem Thema weibliche und männliche Wut um: Sie lädt dich ein, dich mit deinen versteckten Emotionen zu beschäftigen. Es gibt sogar ein Extra-Kapitel für Männer. Klar fließen dabei auch Konzepte der Transaktionsanalyse ein.
Also wenn ich als Frau meine Gefühle verstanden habe (erster Schritt), kann ich sie auch anderen (zum Beispiel Männern) im zweiten Schritt erklären. Da es nicht jeder gelingt, ist dieses Kapitel vielleicht sinnvoll. An erster Stelle steht jedoch, das unangenehme Gefühl oder die Wut überhaupt erst mal zuzulassen. Tatsächlich drückt sich weibliche Wut anders aus: Sie äußert sich bei Frauen oft in Trauer, Enttäuschung und Schmerz. Übungen und Fragen zur Reflexion sollen dir dabei helfen, Ärgermuster zu erkennen und aufzulösen. Dann kann deine Wut auch konstruktiv zwischenmenschlich eingesetzt werden.
„Ich bin so wütend!“ von Anita Timpe
Ohnmacht erzeugt Wut. Das fühlt sich oft destruktiv an oder führt sogar zu Kurzschlusshandlungen. Um die Wut und ihr Potenzial besser verstehen zu können, empfehle ich das sehr einfühlsame und verständliche Buch von Anita Timpe: „Ich bin so wütend!: Nutzen Sie die positive Kraft Ihrer Wut“.
Demnach ist Wut erst mal ein gesundes Lebensgefühl, das wir für Selbstbehauptung und Abgrenzung benötigen. Unterdrücken sollte man sie auf keinen Fall, denn dann kann sie zu Depressionen oder unkontrollierte Aggressionen führen. In dieser Form schmälert sie auch gute Gefühle wie Lebensfreude und Liebe. Besser also, du schaust sie dir mal näher an, deine Wut. Anita Timpe ist Körperpsychotherapeutin und bietet Seminare zum Thema Wut an. Ich habe daran teilgenommen, es ist ganz wunderbar: Sie vermittelt nicht nur einen Zugang zu diesem Gefühl, sondern hilft dir, die Angst davor zu überwinden, und vor allem fürsorglich mit dir selbst umzugehen. Bedürfnisse, Wünsche und Ziele im Leben können damit sehr gut geklärt werden. Es geht in diesem wirklich guten Buch mehr um die Praxis als um Theorie.
„Die elegante Art, Hitzköpfe und andere Streithammel zu beruhigen“ von Douglas E. Noll
Das Wahnsinnsversprechen, in 90 Sekunden Ärger in Luft auflösen, verspricht „Die elegante Art, Hitzköpfe und andere Streithammel zu beruhigen“ von Douglas E. Noll. Tatsächlich ein hochinteressanter Deeskalations-Ansatz, der in kalifornischen Hochsicherheitsgefängnissen erprobt wurde. Er hat inzwischen eine US-weite Verbreitung gefunden.
Der Autor ist der Meinung, dass jeder das im Umgang mit Menschen brauchen kann, nicht allein Menschen, die „auffällig“ wurden. Denn innerlich machen Aggressionen und Streit jeden wütend! Douglas E. Noll ist Autor, Mediator und Trainer für Führungskräfte, hat also einen anderen Hintergrund als die beiden Autorinnen und Therapeutinnen davor. Verblüffend einfach ist der Ansatz über andere Kommunikationsweisen, einen aufgebrachten Menschen zu beruhigen: Man benennt das Gefühl, das man beim Gegenüber beobachtet (Affect Labeling). Wenn man es nicht beim ersten Treffer hat, benennt man ein anderes, bis der andere mit Ja antwortet und beginnt zu erzählen. Man arbeitet sich durch mehrere Schichten der darunter liegenden Gefühle durch.
Und immer wieder: Zuhören lernen!
Statt auf die Sachebene einzugehen, spiegelt man die Gefühle, bleibt beim empathischen Zuhören und bewusst im Gefühlsfeld des Gegenübers. Man spricht dabei anders als in der Feedbackkultur nicht in Ich-Sätzen, sondern formuliert in Du-Sätzen:
Die Umkehrung des Prinzips gibt dem Gegenüber das Gefühl, gehört zu werden. „Ja, ich kann deine Wut verstehen.“ Die größte Kunst ist es also, das Gefühlsfeld zu lesen und die Kernaussagen zu formulieren. Dazu benötigt man einfach viel Übung. Diese Technik beruhigt die Emotionszentren des Gehirns. Häufig ist es einfach das Gefühl, nicht geliebt zu werden. denn alle Menschen möchten geliebt und angenommen werden. So banal das klingt, ist es der Schlüssel für Konfliktsituationen.
Wie geht es weiter, nachdem die Situation entschärft wurde? Das Buch ist sehr ausführlich und geht in extra Kapiteln auf Eltern, Lehrer und Führungskräfte ein. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage: „Wie bleibt man höflich in einer unhöflichen Gesellschaft?“ Ein interessantes Buch, das Wut und Aggression nicht in männlich und weiblich unterteilt, aber sehr hilfreich ist. Diese Methode holt den Wütenden ab und hilft ihm aus dem Streit.
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