Beharrlichkeit & Loslassen
“Verstehe, was dich weiterbringt und was dich zurückhält. Dann wähle den Weg, der zur Weisheit führt.” (Buddha)
Mit Abhyasa, also durch stetiges Üben, Beharrlichkeit und Disziplin, richtest du dich auf die göttliche Hingabe aus. Du beschäftigst dich regelmäßig mit deinem Thema, deinem Studium oder einer Übung, und die gesammelte Anstrengung führt am Ende zum Erfolg. Ziel dabei: die Gedankenwellen, die Vrittis, zur Ruhe bringen und im Atman (in der All-Seele!) aufgehen.
Klingt groß? Ist es auch. Aber es beginnt klein, oft mit nur einem einzigen bewussten Atemzug.
Das ständige Bemühen ist dabei kein verkrampftes Ringen, eher eine freiwillige Intensität oder ein selbstloser Dienst. Du übst um des Übens willen, das Üben selbst ist der Sinn. Die Bedingung dafür ist eine positive Grundhaltung zum Leben, die nach und nach die schlechten Gewohnheiten – die Samskaras – auflöst und durch gute ersetzt. Und ja, das dauert.
Niemand wird über Nacht gelassen, so gerne wir das manchmal hätten.
Du liegst nach getaner Arbeit auf dem Sofa und merkst, wie dein Arm wie von selbst zum Handy wandert. Ein Muster oder eingetretener Pfad (Samskara), der sich ganz automatisch einstellt. Wenn du stattdessen dreimal tief ausatmest, bevor du zum Handy greifst – das ist Abhyasa. Klingt unspektakulär, ist aber wirksam durch bewusstes Handeln. Und irgendwann atmest du zuerst und greifst das eine oder andere Mal eben nicht mehr zum Handy.
Ständiges Bemühen für Geistesruhe
“Abhyasa ist ein ständiges Bemühen um die Ruhe des Geistes. Abhyasa bekommt ein festes Fundament, wenn es lange Zeit ohne Unterbrechung und mit aufrichtiger Hingabe ausgeführt wird.” (Patanjali Yoga Sutra 1.13 & 1.14)
Zwei Sätze, aber sie haben es in sich. “Lange Zeit ohne Unterbrechung” – das ist der Teil, der wehtut. Denn wir alle kennen das: Montag motiviert, Mittwoch vergessen, Freitag schlechtes Gewissen. Genau da setzt Abhyasa an: Nicht Perfektion ist gefragt, sondern Kontinuität. Lieber fünf Minuten jeden Tag auf der Matte als eine Stunde einmal im Monat, zu der du dich dann auch noch überwinden musst.
Gerade in Lebensphasen, in denen sich vieles gleichzeitig verändert, wird Abhyasa zum Anker. Nicht, weil du dann noch mehr leisten sollst. Sondern weil eine kleine, verlässliche Übung dir sagt: Hier bin immer noch ich, zuverlässig mitten im Wandel. Du hörst deinen eigenen Atem, du spürst deine Füße auf dem Boden, und plötzlich ist da wieder ein Punkt, an dem du dich festhalten kannst, ohne dich zu verkrampfen.
Gelassenheit: Vairagya
Man braucht bei allem Streben aber immer auch ein Gegengewicht. In diesem Fall heißt das Gegengewicht Vairagya: Gleichmut, Nicht-Anhaften, Loslassen oder ganz einfach Gelassenheit. Es geht darum, zu vertrauen, dass sich alles Weitere entwickeln wird. Also ist das ein Zustand jenseits aller Wünsche – keine Askese als vielmehr die freiwillige Entsagung und ein Innehalten. Dabei darfst du alle Anhaftungen in deinem Leben hinterfragen und sie nach und nach loslassen: Denn je weniger du von etwas oder jemandem abhängig bist, desto leichter fällt es dir, den Herausforderungen des Lebens gleichmütig zu begegnen.
Du regst dich einfach viel weniger auf und kannst dich dabei für andere freuen, ohne neidisch zu werden. Du näherst dich, nie mit einem Sprung, sondern Schritt für Schritt der Wunschlosigkeit. “Leidenschaftslosigkeit” hört sich oft so blutleer und langweilig an, ich weiß. Ist es aber nicht. Es beschreibt einfach einen Zustand, in dem du gleichmütig und gelassen bleibst, egal was um dich herum gerade laut wird.
Für den Yoga bedeutet das: mit Hingabe üben. Du übst für etwas Höheres als dich selbst – und lässt dann alles los, im Wissen, dass es gut wird.
Deine Kollegin bekommt die Beförderung, auf die du selbst gehofft hattest. Dein erste Impuls ist ein Stich in der Brust, vielleicht auch Ärger und ein bisschen Selbstmitleid. Vairagya heißt nicht, diesen Impuls wegzudrücken, du darfst ihn spüren, um ihn dann bewusst loszulassen. Du gönnst ihr die Freude, ohne dich selbst kleiner zu machen. Das ist ganz wichtig! Es ist keine Wochenend-Übung im stillen Kämmerlein, das ist Alltags-Training für den ganz normalen Dienstag im Büro.
Das Gute zielt durch die Mitte
“Vairagya ist ein Zustand der Lösung vom Verlangen nach Gesehenem und Gehörtem, von allen Objekten.” (Patanjali Yoga Sutra 1.15)
“Von allen Objekten”: Das klingt erstmal radikal und so ist auch so gemeint. Nicht, dass du nichts mehr besitzen oder fühlen darfst, du sollst nur nicht daran hängen. Objekte können einen auch gefangen halten und dich besitzen. Also schau genau hin, ob du es besitzt und es damit auch dich. Der Unterschied ist riesig, auch wenn er sich anfangs kaum bemerkbar macht.
Abhyasa & Vairagya
Die beiden werden wie Dick und Doof oft zusammen genannt. Beharrliches Üben muss auch loslassen können, und Loslassen muss von Disziplin unterstützt werden – sonst führt es tatsächlich in die Lethargie. Die große Erkenntnis auf dem Weg besteht also darin, ein ausgewogenes Maß zwischen beidem zu finden. Eigentlich wie bei allem im Leben!
Ich merke das bei mir selbst immer wieder: In Phasen, in denen ich nur übe und übe, werde ich hart und ungeduldig mit mir. Und in Phasen, in denen ich nur loslasse, verliere ich die Struktur, die mich eigentlich trägt. Erst wenn beides zusammenkommt – das Üben und das Loslassen –, entsteht das, was sich wirklich nach Freiheit anfühlt. Nicht die Freiheit, die nach nichts mehr verlangt; es ist eine Freiheit, mit allem präsent zu sein, was gerade ist, laut oder leise, leicht oder schwer – ohne es abzuwehren oder festzuhalten.
Der Weg dazwischen – üben und loslassen, festhalten und wieder öffnen – ist ein wichtiger Teil des Yoga und kein einmaliges Ziel, das du erreichst und dann abhaken kannst. Er ist eine tägliche Übung, genauso wie es im Alltag manchmal stündliche Entscheidungen verlangt. Und genau darin liegt die Freiheit.
Wenn dich das anspricht und du spüren möchtest, wie sich Abhyasa und Vairagya in deinem eigenen Alltag anfühlen können – melde dich gerne. Buche gern für einen Austausch mit mir einen kostenlosen Zoomcall. Jetzt buchen!