Pranayama: Der yogische Atem

Die yogischen Atemtechniken fasst man unter Pranayama zusammen. Man kann damit den Atem anders und neu erfahren, wird ruhiger und bringt darüber dem Geist Gelassenheit bei.

Gelassen im Gedankenkarussell

Mit Pranayama bringt man dem Atem bei, welche Möglichkeiten er überhaupt hat. Das haben die meisten Menschen seit ihrer Kindheit vergessen und atmen zu flach. Bringt man ihnen das tiefe Atmen wieder bei, wundern sie sich, wie sich das anfühlt und wie sich ihr Körper verändert. Allein durch den richtigen Atem richtet sich die Wirbelsäule auf, und umgekehrt, richtet man sich durch Yoga-Übungen in der Wirbelsäule gut auf, kann sich der Atem besser entfalten. Wird der Atem vertieft und verlängert, kann sich auch der Geist beruhigen. Das kann man selbst testen: Atem Sie ganz hektisch und versuchen Sie dabei, einen klaren Gedanken zu fassen – es wird Ihnen nicht gelingen! Legt sich der Sturm, wird die Oberfläche des Sees ruhig, alle aufgewirbelten Teilchen sinken zum Grund, den man durch das klare Wasser jetzt wieder sehen kann.

Der Atem als Lehrer

Mit den Techniken des Pranayama erforscht man die Atemräume im Körper: Wie fühlt es sich an, wenn ich den Bauch beim Einatmen rausstrecke oder wenn ich auf einer Seite liege? Was passiert, wenn ich ganz schnell oder extrem langsam atme? In Yoga-Asanas arbeiten viele Yoga-Lehrende gern mit dem siegreichen Atem, Ujjayi, der Ruhe in die Atmung und Gleichmäßigkeit in die Bewegungen bringt. Diesen Ujjayi-Atem kann man aber auch im Alltag wunderbar einsetzen. Stellen Sie sich eine stressige Situation vor, sagen wir Stau im Straßenverkehr oder Zeitdruck bei der Arbeit. Man richtet sich auf und atmet in der typischen Kehlatmung des siegreichen Atems mehrere Male vollständig aus. Das senkt den Stress in wenigen Atemzügen, indem man seinem eigenen, ruhigen Atem lauscht. Tolle Sache! Und so einfach!

Der Atem als Werkzeug: Atemverhalt

Der Atem ist also das wichtigste Werkzeug im Yoga, um sich selbst besser kennenzulernen. Man erkundet die Tagesform und kann bei der Meditation die Konzentration aufrecht erhalten. Die Einatmung wirkt anregend und die Ausatmung beruhigend. Durch den Atemverhalt (Kumbhaka) verstärkt sich diese Wirkung. Der Atemverhalt ist kein Luftanhalten, es ist vielmehr eine natürliche Pause nach der Ein- bzw. Ausatmung, die mit der Zeit ausgedehnt werden kann. Diese Erweiterung der eigenen Grenzen lässt sich auf alles im Alltag anwenden. Wenn der Atem dadurch zur Ruhe kommt, wird auch der Geist ruhiger. Am Ende sollen aber auch diese Techniken weggelassen werden, damit der Atem sich selbst frei entfalten kann. Wozu setzt man dann die Techniken des Pranayama überhaupt ein?

Yogasutra 2.52
Pranayama entfernt den Schleier, der das Licht der Erkenntnis verdeckt. (Übertragen von B. K. S. Iyengar in „Der Urquell des Yoga“)

Pranayama: Der yogische Atem

B. K. S. Iyengar Urquell des Yoga © O. W. Barth

B. K. S. Iyengar Urquell des Yoga © O. W. Barth

Die Atemzüge werden verlängert und vertieft, die Pausen anstrengungslos ausgedehnt, um Ruhe in alle Handlungen des Alltags zu bringen: Man kann entspanntere Entscheidungen treffen und geht einen weiterer Schritt auf dem Weg der Erkenntnis. Mit einem ausgeglichenen Geist, kann man sich in jeder Situation selbst helfen, ist nicht mehr so manipulierbar und ruht in sich selbst in heiterer Gelassenheit: Yoga und Pranayama sind also Werkzeuge zur Selbstermächtigung:

Hatha Yoga Pradipika, 2,2
Ein gestörter Atem führt zu einem gestörten Bewusstsein, ein regelmäßiger Atem zu einem ruhigen Bewusstsein. Die beiden gehen Hand in Hand. Darum legt der Yogi wert auf einen ruhigen Atem – er beherrscht auf diese Weise sein Bewusstsein und verlängert damit sein Leben. (Übertragung von Geeta Iyengar in „Yoga für die Frau“)

Sanfter und stabiler Atem

In den Yoga Sutras 2.49 bis 2.53 von Patañjali erfahren wir wie Pranayama technisch funktionieren kann: Man sollte seinen Atem schon mal wahrgenommen haben, um mit Hilfe dieser Techniken den „natürlichen Atem“ zu entwickeln. Das Buch „Licht auf Pranayama“ von B. K. S. Iyengar erklärt anschaulich in Text und Bild die Theorie dahinter. Üben muss aber leider jeder selbst! Yoga ohne den Atem ist nicht Yoga, sondern Gymnastik oder neudeutsch ein „Workout“. Pranayama gehört zu den Asanas genauso wie zur Meditation, er ist das Bindeglied zwischen Körper und Geist. Der körperliche, äußere Weg führt über den Atem nach innen. Er soll in den Haltungen immer sanft und stabil sein, man soll nicht schnaufen oder den Atem anhalten. Daran würde man erkennen, dass man sich schon zu sehr anstrengt. Ist das der Fall, geht man einen Schritt zurück, macht weniger und langsamer. Dann wird auch der Atem wieder leicht und stabil fließen.

Ohne Disziplin läuft gar nichts!

Regelmäßiges Üben von Asanas und Pranayama führt zum Erfolg, denn „Pranayama ist der Königsweg zu Wohlergehen, Freiheit und Glück“ laut der Yogachudamani Upanishad. Disziplin bedeutet aber nicht blindes Befolgen von Anweisungen, sondern ein in sich Hineinhören mit Sachverstand. Durch das Beibehalten dieser Disziplin über eine längere Zeit, schult man die Achtsamkeit. Man erkundet, wie der Atem in verschiedenen Situationen reagiert und schliesst Freundschaft mit ihm. Wie einen guten Freund behandelt man ihn respektvoll und behutsam, regt ihn nicht auf und stört ihn nicht andauernd. Das Miteinander sollte mühelos, sanft und ohne Ehrgeiz sein. Kommt der Atem zur Ruhe, verlängert er sich und wird subtil (siehe oben) und ermöglicht uns den Rückzug der Sinne, Pratyahara.

„Licht auf Pranayama“ von B. K. S. Iyengar

B. K. S. Iyengar Licht auf Pranayama © O. W. Barth

B. K. S. Iyengar „Licht auf Pranayama“ © O. W. Barth

Pranayama-Techniken sind nicht nur Atemübungen, sie befähigen uns zu Kreativität, starken Nerven und nehmen Einfluss auf das Gehirn. Die gesundheitsfördernde Wirkung erkennt inzwischen auch die westliche Medizin an. Für den Yoga bleibt aber das Hauptanliegen die Selbstermächtigung und Selbstverwirklichung. Pranayama erforscht die Verbindung zwischen Körper und Seele. Das wird gut beschrieben in „Licht auf Pranayama“ von B. K. S. Iyengar. Prana, die Lebensenergie, soll zum Fließen gebracht werden und ist tatsächlich eine schwierige Kunst, schreibt Iyengar in seiner Einleitung. Man kann zwar darüber lesen. Um das Leben jedoch wirklich ins Gleichgewicht zu bringen, muss man Yoga und Pranayama üben. Die ersten drei Teile des Buches beschäftigen sich mit Theorie, Kunst und konkreten Technik des Pranayama. Der letzte Teil ist dem Weg zur Meditation und Entspannung gewidmet.

Annette Bauer

Hinterlassen Sie einen Kommentar