Wozu Meditation?

In meiner Podastfolge 18 geht es um Meditation als Werkzeug oder „Tool“, um den Herausforderungen des Lebens zu begegnen. Aber wie geht das?

Ich habe von einer Meditationslehrerin gelesen, die schon seit über dreißig Jahren Zen-Meditation praktiziert und immer noch an manchen Tagen nicht zur Ruhe kommt. Das fand ich nun wieder beruhigend, weil menschlich!

Darum geht es also heute:

  • Was ist Meditation? Auseinander klamüsern was es da gibt
  • Was hat Yoga damit zu tun?
  • Was Meditation nicht ist: Eine Abgrenzung
  • Was erwartet mich in der Meditation: Wir räumen mit Mythen auf.
  • Welchen Einstieg gibt es?

Einheit von Körper und Geist

Eigentlich ist alles ganz einfach im Leben, wenn man ein Werkzeug, oder „Tool“, gefunden hat: Entspannt und gelassen gehen wir durch den Tag… Meditation könnte das leisten und ist ein Teil von Yoga oder besser: Das Ziel von Yoga – das Mittel meiner Wahl. Im alltäglichen Gebrauch, bei den körperlichen Übungen, den Atemübungen und bei der Meditation, komme ich mir selbst auf die Schliche: Ich erfahre mein Sein.

Die Verbindung zum Sein ist nicht etwas, das man erreicht und behält. Sie ist zwar immer da, nur nehme ich sie sonst nicht wahr. Zum Beispiel steige ich in den Fahrstuhl und überlege jedes Mal, ob ich den Knopf für meine Etage beim Hereinkommen gedrückt habe oder nicht. Natürlich habe ich ihn gedrückt, und zwar völlig automatisch. Und da liegt aus yogischer Sicht das eigentliche Problem: Die unbewussten Handlungen sind eingeschliffene Spuren wie Rillen auf einer Schallplatte (wer sie noch kennt! Sie heißen heute Vinyl). Die Rillen oder Spuren nennt man im Yoga Samskaras, diese sollen ausgemerzt werden.

Samskaras ausmerzen

Wie soll das gehen, Samskaras ausmerzen? Es sind zwei Handlungen, die man dazu ausführen kann: Man soll achtsam sein in allem, was man tut, und neue, bessere Spuren (Handlungen) anlegen. Man soll also die schlechten Handlungen überlagern bis sie sich verlieren. Die Meditationspraxis hilft dabei, achtsam zu werden. Indem man im Moment aufmerksam bleibt, kann man das eigentliche Sein überhaupt wahrnehmen. Das hört sich wieder so abgehoben an, einfacher gesagt: Man setzt sich hin, schließt die Augen und nimmt an, was jetzt gerade ist. Und, ups, da isses schon wieder weg!

Meditation heißt annehmen, was ist

Meditieren bedeutet also im Moment präsent zu bleiben und annehmen, welche Gedanken und Gefühle auch immer hochkommen. Manchmal ist es schön, ein anderes Mal sind es nur wirre Gedanken oder Schmerz. Alles darf sein, bekommt Raum und wird angenommen. Dann mache ich mir klar: Das Gute und das Schlechte entsteht nur in meinem Kopf, durch meine Bewertungen – und wird auch wieder vergehen. So ist eben eines jeden Menschen Da-Sein: Entstehen und Vergehen.

Das Annehmen kann nur mit Leichtigkeit geschehen, denn wenn das Wollen hinzukommt, ist der Moment schon wieder verloren und ich mache es mir unnötig schwer. Auch wenn ich wochenlang schwierige Gedanke habe und ungute Gefühle, dann ist das eben so. Ich sage mir dann immer: Ich muss nirgendwo hingelangen, ich bin genau hier richtig und angenommen. Alles wird gut, wenn ich mir Zeit lasse.

Und wie kriege ich das in den Alltag?

Das Im-Moment-Sein in den Alltag mitzunehmen, ist die eigentliche Kunst. Rege ich mich wegen einer Situation auf, bin ich nicht im Moment: Ich denke wie etwas anders sein sollte, was ich mir wünsche oder wie es früher war. Dann bin ich in der Zukunft oder der Vergangenheit. Da hilft mir manchmal einfach die Frage: „Was werde ich wohl in fünf Jahren über diese Situation denken?“ Daran werde ich mich bestimmt nicht mehr erinnern! Ich kann mich entspannen, kehre zurück ins Hier und Jetzt und nehme wahr, welche Gefühle es gibt. Das macht es mir leichter, meine Mitmenschen zu verstehen und ich kann sagen: Ich bin ein Mensch und mir ist nichts Menschliches fremd – daraus kann eine Verbindung und Mitgefühl zu anderen entstehen. All das trägt zu Verständnis, Frieden und Ahimsa (Gewaltlosigkeit) bei.

Meditation: Verbindung herstellen

Wenn das jeder machen würde, höre ich dich sagen! Ja, genau, das wärs doch! Yoga sind nicht ein paar Haltungen oder Sequenzen, die man ausführt, es ist eine besondere Geisteshaltung. So wird aus einer gymnastischen Übung Meditation in Bewegung. In den Yoga-Übungen versucht man einerseits eine Einheit zwischen Körper, Geist und Seele herzustellen. Andererseits möchte man sich mit dem höchsten Bewusstsein verbinden. Dazu wählt man den Weg über die Meditation.

Das Wort Yoga bedeutet auch „Wissenschaft der Vereinigung“. Das haben früher nur Asketen in Höhlen praktiziert und Yoga bekam den Ruch des Merkwürdigen, einer Geheimlehre. Swami Vivekananda, Shri Yogendra und T. Krishnamacharya wurden von ihren Meistern Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts beauftragt, Yoga gesellschaftsfähig zu machen. Allen Menschen sollten die Segnungen des Yoga zur Gesundheit und Ethik zur Verfügung stehen.

Patañjalis achtgliedriger Pfad weist den Weg

Grundlage dafür ist bis heute das Yoga Sutra des Weisen Patañjali. Er hat das alles in kurzen Merksätzen festgehalten. Das Tolle daran: Die Reise beginnt, da wo man gerade ist, im Körper mit seinen Herausforderungen. Die meisten bleiben leider dabei stehen und denken, das ist Yoga. Natürlich ist es wichtig, den Körper für die Meditation vorzubereiten, um länger aufrecht sitzen zu können.

Genauso wichtig ist die Reinheit von Körper und Geist: Darüber erfährt man alles in den Yamas und Niyamas im besagten Yoga Sutra. Befolgt man diese in freiwilliger Disziplin, geht der Weg über Körperübungen, Atemübungen nach innen. Das ist der yogische Weg hin zur Praxis der Meditation. Möchte man ohne eine Anleitung direkt meditieren, dürfte es schwieriger werden. Für mich war das nicht möglich. Hier halte ich erst mal fest: Bleib nicht bei den Körperübungen (Asanas) stehen: Übe dich täglich auch in den Yamas und Niyamas.

Innenschau in verschiedenen Ausführungen

Es gibt viele offizielle Wege für Meditation. Alle folgen gewissen Regeln. Für Yogis ist es der Yoga-Weg, er ist bereits Meditation in Bewegung. Das machte es für mich einfacher und so vermittel ich es auch meinen Teilnehmern. Übe im Zustand des Yoga. Also sei ganz bei dir selbst. Dann wird aus jeder Haltungen auf der Matte eine innere Haltung dazu. DU bist in Verbindung mit dir selbst, deinem Innern, und damit mit allem verbunden. Dann wird aus einer Gymnastik Meditation in Bewegung. Wie erreiche ich das? Über den Atem. Klingt einfach, oder? Das ist dann auf einem Mal gar nicht mehr so schwierig und mystisch!

Mit den Meditationsmythen aufräumen

Dazu gibt es eine fabelhaftes Buch von Fabrice Midal: „Die innere Ruhe kann mich mal: Meditation radikal anders“. Es geht darum, sich nicht von den äußeren Regeln frustrieren zu lassen, und Yoga und Meditation nicht als Selbstoptimierung zu sehen. Kommen nämlich Erfolgsdruck und Perfektionismus dazu, wird der Geist nicht zur Ruhe kommen können.

Natürlich dient Meditation auch der Gesundheit und dem Wohlbefinden. Manche Firmen setzen das allerdings nur zur Optimierung ihrer Mitarbeiter ein. Das ist dann wohl etwas über das Ziel hinaus: Man praktiziert Meditation NICHT, um irgendwo hin zu gelangen oder besser im Sinne von leistungsfähiger zu werden. Das kann zwar ein Nebeneffekt sein, ist aber nicht das Ziel. Meditation muss als Selbstzweck gesehen werden.

  • Daher kommen auch die Ideen von „über etwas meditieren“ (= Kontemplation),
  • sich eine schöne Zukunft oder den Traummann vorstellen (= Visualisierung) oder
  • dem Unterbewusstsein eine Haltung zu suggerieren (= Autosuggestion, Hypnose, Affirmationen).

Dann sucht man wohl auch immer nach einem messbaren Ergebnis. Aber das genau ist es NICHT.

Da stellte sich nun aber die Frage:

Was ist denn Meditation eigentlich?

Wenn du es noch nicht ausprobiert hast, fangen bald damit an: Es ist tatsächlich DER Weg zu einem entspannteren Leben. Die Hürde scheint aber für viele Menschen sehr hoch zu sein, sich täglich fünf Minuten auf einen Stuhl oder ein Kissen zu setzen, um innezuhalten. Woran liegt das? Ahnen wir insgeheim, dass das eine sehr große Herausforderung für unseren Geist bedeutet? Kennen wir die vielen (selbstverletzenden) Gedanken auch ohne Meditation bereits? Man wird diese negativen Gedankenspielen nur meistern, wenn man/frau sich ihnen stellt. Das ist dann Meditation: Nichts von wegen Ruhe und Stille im Geist, das geht in den paar Minuten richtig ab – oder auch länger, wenn man kann und der Geist es aushält: soooo viele Gedanken!

Live, the univers and everything!

Die Vorstellung über das Bild eines Bergsees ist bereits wieder eine Visualisierung. Dagegen ist auch überhaupt nichts einzuwenden, wenn man einen Einstieg sucht. Stell dir vor: Auf der ruhigen Oberfläche des Sees spiegeln sich die Gedanken wie Wolken und ziehen vorbei, ohne Wellen zu schlagen. Du lässt die Gedanken wie Wolken vorbeiziehen. Oder wischst sie zur Seite wie auf deinem Handy! Du schaust auf den Grund des Sees: Dort befindet sich das Selbst, das Ur-Bewusstsein aller Seelen. Der Blick darauf wird durch Meditation klar: Auf dein Selbst (nein, nicht das Ego!), auf die Zusammenhänge des Lebens, des Universums und aller Dinge. Oder auch: Live, the univers and everything!

Diese Klarheit verhilft dir zur Unterscheidungsfähigkeit und zu heiterer Gelassenheit. Wow, oder? Man nimmt sich selbst nicht mehr so wichtig. Herrlich, was für ein entspanntes Leben!

Wozu Meditation?

Also, wozu soll ich mich diesen vielen Gedanken aussetzen? Um Ordnung ins Chaos zu bringen und zu lernen, wie der Geist funktioniert. Das hat schon Patañjali vor über 2000 Jahren im Yoga Sutra dokumentiert. Dort ist auch in kurzen Merksätzen aufgelistet, was mit dem Geist passiert und welche Kapriolen er schlägt, um uns davon abzuhalten, still zu werden. Die Stille findet der Geist bzw. das Ego bedrohlich, es bekommt Angst, ausgelöscht zu werden. Doch das passiert nicht, die wilden Gedanken kommen einfach langsam zur Ruhe, bis die Wellen im Geiste aufhören, Kreise zu ziehen. Setzt sich das aufgewühlte Wasser, wird der See klar und man kann bis auf den Grund schauen.

Erkenne, was ist!

Yoga ist also der Weg der Erkenntnis über Ruhe, Klarheit und Unterscheidungsfähigkeit. Wozu brauchen wir das? Und genau da kommen wir zurück zum Anfang: zu den Yamas und Niyamas. Die fünf Yamas sind Nicht-Verletzen (Ahimsa), Nicht Lügen (Satya), Nicht-Stehlen (Asteya), Mäßigung und Reinheit (Brahmacharya) und Nicht-Habgier (Aparigraha). Warum sind sie alle negativ formuliert? Wie in der Kinderziehung wird der Geist trainiert, negative Verhaltensweisen zu unterlassen. Tun Sie einfach keine falschen Dinge!

Die fünf Niyamas erfordern mehr Selbstbeherrschung, man muss sich aktiv um Reinheit und ethisches Verhalten bemühen: Körperliche und geistige Reinheit (Sauca), Selbstgenügsamkeit (Santosha) Willensstärke und Disziplin (Tapas), lesen inspirierender Schriften und Selbststudium (Svadhyaya) und letztlich die Hingabe an das große Ganze oder Gottvertrauen (Ishvara Pranidhana). Man kann selbstverständlich einfach nur die Asanas machen und wird dadurch ein gesundes, langes Leben führen können. Die eigentliche Tiefe des Yoga wird man jedoch erst durch die Yamas und Niyamas ausloten: Wer nicht zur „Meditation in Bewegung“, also im Alltag, kommt, wird keine Rückverbindung zu Ethik und Bewusstsein herstellen können.

Wege für den Einstieg

Es gibt viele Möglichkeiten, mit Meditation zu beginnen. Zum Beispiel einfach hinsetzen und den Geist leer werden lassen. Klappt nur wie gesagt meist gar nicht. Es gibt:

  • buddhistische Meditationen (verschiedene Techniken)
  • Zen-Meditation (still sitzen)
  • Kundalini Meditationen (unter anderem mit Bewegung und Chanten)
  • Liebende Güte Meditation (Freundlichkeit und Wohlwollen wird kontempliert)
  • Mantra Meditation über Klang
  • Transzendentale Meditation (TM ist eine Mantra-Meditation von Maharishi Mahesh Yogi)
  • Yoga Meditation über den Atem, Chakras oder das dritte Auge (uvm.)
  • So-ham-Meditation („ich bin es“ oder „ich bin das“)
  • tantrische Meditationsübungen
  • daoistische Meditationsübungen (mit und ohne Qi Gong)
  • christliche Meditationsübungen
  • Sufi-Techniken
  • Geführte Meditation (schon Richtung Visualisierungsübungen)

Oder man kann sich zehn Tage lang in ein Schweige-Retreat wie beispielsweise Vipassana zurückziehen. Das ist die Hardcore-Methode. Wer Meditation noch nicht ausprobiert hat, kommt ratzfatz zu sich selbst. Dazu muss man sich aber schon gut kennen, sonst ist es eine Achterbahnfahrt! Ein leichterer, aber durchaus intensiver Einstieg, ist ein achtwöchiges Achtsamkeitstraining (MBSR). Das ist alltagstauglich. Es gibt das Training auch als Wochenseminar und wird als Bildungsurlaub anerkannt. Dort kann man verschiedene Methoden der Innenschau kennenlernen. Oder man nähert sich eben mit Yoga dem Weg der Stille (Dhyana). Auf allen Wegen bedarf es der Ausdauer und Disziplin (Abhyasa und Vairagya).

Und jetzt action:

Wenn du also das nächste mal damit haderst, mach einfach ein paar Übungen vorher und setz dich dann für ein paar Minuten. Bring einfach deine Aufmerksamkeit zum Atem. Und wenn die Gedanken kreisen, lass sie! Das ist normal… und komm zurück zu deinem Atem.

Mach das jeden Tag für drei Minuten und berichte mir, wie es dir damit ergeht!

Schreibe mir einfach einen Kommentar und teile mir mit, was du erlebst. Probier es aus!

Annette Bauer

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