Überforderung: Zu viel ist zu viel!

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Bei den ganzen Eissorten oder verschiedenen Yogatraditionen, bei Joghurtsorten im Kühlregal – wir müssen andauern Entscheidungen treffen. Das ist Überforderung und ich sage: Zu viel ist zu viel! Fühlst du dich auch überfordert?

Überforderung: Zu viel ist zu viel!

Wie ist deine Situation? Kennst du das:

  • Du hast das Gefühl, nur noch zu reagieren.
  • Du bist nicht in der Lage, dein Leben selbst zu gestalten.
  • Du kennst das Gefühl von Überforderung.
  • Du bist in einem Dauerzustand von Anforderungen – alles wächst dir über den Kopf.
  • Du bist aggressiv, manche nennen dich launisch.
  • Du hast ungeliebte Gefühle wie Neid, Wut, Trauer, fühlst dich schwach, dumm oder langsam.
  • Du kannst dich oft aufregen und empören.
  • Du verstehst nicht, was das ist, das dich triggert.

Was kannst du jetzt tun? Du kannst dir die Situation vor Augen führen und überlegen, welche Gefühle du gerade jetzt hast. Wie würdest du normalerweise reagieren – wie möchtest du heute reagieren? Meist ist alles zu viel, doch genau dann solltest du innehalten:

“Wenn du es eilig hast, geh langsam.
Wenn du es noch eiliger hast, mach einen Umweg.”
Japanisches Sprichwort

Neben dem Yogaweg kannst du dir auch andere Übungen suchen. Allerdings solltest du einen Weg finden, der dir gefällt, bei dem du dann auch bleibst. Immer wieder neue Techniken, Selbsthilfebücher und neueste Trends ausprobieren, zerstreut nur deine Energien. Und bei Überforderung hast du genau davon sowieso schon nicht genug, stimmt´s? Also such dir einen Weg aus – und bleib dabei. So sollte dann auch Yoga angemessen geübt werden. Aber was bedeutet das denn überhaupt: angemessen?

Angemessen Yoga üben

Es soll angepasst an deine Voraussetzungen, deine Lebensumständen und die Tagesform geübt werden. Und danach richtet sich dann, was angemessen ist und was nicht. Als Richtschnur dient dir die Frage: “Was ist das Liebevollste, das du jetzt für dich tun kannst?” Übe also Yoga liebevoll und überprüfe in den Yoga-Asanas ebenfalls deine innere Haltung: Hör auf deine innere Stimme. Im inneren Gewahrwerden kannst du deine Glaubenssätze anschauen und danach deine Übungspraxis anpassen:

  • Worum kreisen deine Gedanken häufig?
  • Wie stehst du zu Leistung, Anerkennung, Schuld und Scham?
  • Oder beschäftigen dich eher deine Zweifel?

Du kannst auch erst mal mit den äußeren Umstände anfangen, um angemessen zu üben: In welchem Schwierigkeitsgrad ist die Yoga-Gruppe, wie sind deine eigenen Yoga-Erfahrungen? Bedenke auch die Tagesform: Was übst du für einen Beruf aus, wie alt bist du, welche Jahreszeit ist gerade und welche Vorerkrankungen schränken dich ein? Als Gradmesser hilft dir, wenn du am Ende der Stunde in Shavasana wach der Entspannung folgen kannst. Das alles ist wichtig, da du dich durch Überforderung nur demotivierst.

Innere & äußere Haltung

Und auch das wird leider oft vergessen: Die Wirkung der inneren Haltung ist wichtiger als die äußere Form deiner Asana. Daran kannst du erkennen, wie lange du in einer Haltung bleiben solltest: Asanas sollen stabil und sanft, shtira und sukha, gleichzeitig sein. Das bedeutet, die Übungen müssen entsprechend deiner Möglichkeiten ausgewählt werden. Kostet dich eine Asana zu viel Kraft, verlierst du die angestrebten Qualität, innen wie außen. Zu Beginn lernst du körperlich und mit dem Atem klarzukommen, denn Yoga ist Meditation in Bewegung. Später vertieft sich deine Praxis hoffentlich zu einer immer ruhigeren inneren Haltung.

Wenn du nun nicht weißt, wie du alle diese Umstände mit einbeziehen kannst, bleib in den Übungen aufmerksam und konzentriert. Dann merkst du, wann etwas ZU anstrengend wird. Wenn du verkrampfst oder der Atem schneller wird, mach eine Pause und richten den Blick nach innen. Über die Zeit wirst du das richtige Maß erkennen. Das gute zielt immer durch die Mitte: Extreme verhindern den Weg nach innen, jedoch ist das erklärte Ziel des Yoga eben dieser Weg: Nach körperlichen Erfahrungen wird die Energie-Qualität immer feiner, es folgt der Rückzug der Sinne und geht hoffentlich nach und nach über in Dharana, Dhyana und Samadhi.

Entscheidung: Welches Yoga “kann” was?

Manchmal werde ich gefragt, in welcher Yoga-Traditionen ich unterrichte. Gemeint ist das Erlernen von überlieferten Ritualen in einer bestimmten Schule. Das Studium der Schriften wird aber nur mit der eigenen Erfahrung zum Leben erweckt. Daraus wird dann mein “Stil”. In Indien stand man in einer Reihe von Lehrern,  das Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben: Man achtete auf Genauigkeit in der Weitergabe dieser Yoga-Tradition, um sicherzustellen, dass das Wissen nicht verloren ging. So wurde der Yoga-Schüler über mindestens zehn Jahre bei seinem Lehrer, dem Guru, ausgebildet und erlernte die acht Glieder des Yoga durch eigene Erfahrungen.

Heute kann man in zwei Wochen die Ausbildung zum Yoga-Lehrer absolvieren und soll befähigt sein, zu lehren. Wenn das nicht Überforderung pur ist, weiß ich auch nicht! Möglich, dass einige dazu in der Lage sind, da sie im Leben schon etwas herumgekommen sind. Natürlich kann man Wissen kompakt aufbereiten, reduzieren und hoffen, dass die weitere Lektüre ausreichen wird, um niemanden zu verletzen. Was zählt sind am Ende jedoch die eigenen Erfahrungen – in mehreren Yogalehrerausbildungen und über 27 Jahre habe ich dazu Erfahrungen gesammelt. Zeit haben heute leider immer weniger Menschen dafür.

Yoga-Traditionen

In der Bagavad Gita erfährst du von Gott Krishna, auf welchen Yoga-Wegen oder Yoga-Tradition du zu ihm zu gelangen kannst. Er benennt für den Krieger Arjuna in 18 Kapiteln 18 Yogawege, darunter Bhakti, Karma, Jnana und Raja Yoga. Diese wiederum gelten als die klassischen Yoga-Traditionen, doch gibt es natürlich wesentlich mehr.

Hatha Yoga gilt bei uns als körperlicher Yoga, der für die Körper-Geist-Balance zuständig sein soll. Ist das eine Möglichkeit, um Überforderung zu vermeiden? Die Form des Hatha Yoga wurde zwar durch die Hatha Yoga Pradipika körperlicher, doch auch hier steht geschrieben: Hatha Yoga gelingt nicht ohne Raja Yoga und umgekehrt.

  • Raja bedeutet „königlich“ und meint Meditation. Das Yoga Sutra ist ein philosophisches Werk und beschreibt im achtgliedrigen Pfad diesen königlichen Weg: Es geht darum, den Geist zu beruhigen, um klar unterscheiden zu können, und mündet nach dem Rückzug der Sinne, Konzentration auf ein Meditationsobjekt und der Verschmelzung mit diesem Objekt in Samadhi. Meditation ist also der Königsweg des Yoga.
  • Jnana Yoga gilt als Yoga des Wissens, der Intelligenz des Menschen kommt dabei die größte Bedeutung zu. Durch Wissen und Erfahrungen gelangt man zu Einsichten und Erkenntnissen und in Kombination mit Intelligenz kann daraus Weisheit entstehen. Das besondere an dieser Richtung ist, dass sie alle anderen Philosophien und Religionen einbezieht und anerkennt. So kann man sich aus verschiedenen Denkrichtungen den großen Fragen des Lebens nähern. Unwissenheit gilt als Wurzel allen Übels in der Welt, Unterscheidung (Viveka) hilft sie zu überwinden.
  • Man nennt Bhakti Yoga auch den Yoga des Herzens oder der Hingabe. Man kann den Herzmuskel genauso trainieren wie den Körper beim Hatha Yoga. Im Bhakti Yoga geht es darum, Gott oder das Göttliche in jedem Wesen zu erkennen, und das kann man üben, indem man gelassen annimmt, was in dieser Situation gerade ist. Daraus kann die Akzeptanz entstehen, alle Wesen gleichermaßen zu lieben. Bedingungslose Liebe kann loslassen, freut sich für alle gleich, auch wenn das kleine Ego es gern anders hätte. Das Ego kann überwunden werden. Es ist kein leichter Yoga Weg, aber er soll direkt zu Gott Krishna führen, da man ihn in allen Wesen und Dingen verehrt.
  • Selbstloses Dienen nennt man Karma Yoga. Er gilt als Yoga der Tat. Während man handelt, soll man alle Anhaftungen loslassen und sein Tun etwas Höherem widmen. Alle Handlungen haben Konsequenzen; selbst wenn man nicht handelt, wird man ein Ergebnis bekommen. Deshalb ist es wichtig, sich ganz genau zu überlegen, was man wie tut, um das bestmögliche Ergebnis nicht nur für sich, sondern für alle Beteiligten zu erzielen. Wo ich heute stehe, ist Ergebnis und Konsequenz meiner früheren Taten. Selbstloses handeln zahlt sich am Ende aus und man beeinflusst eine günstigere Wiedergeburt oder löst sogar das ganze angesammelt Karma auf, um dann direkt bei Gott Krishna zu landen. Die Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten ist das Ziel.

Selbstloser Dienst: Karma-Yoga

Meist versteht man unter Karma Yoga den selbstlosen Dienst an der Gemeinschaft. Anders als  der Weg der Erkenntnis (Jnana Yoga), Yoga der Hingabe (Bhakti Yoga) oder der Königsweg des Yoga (Raja Yoga) führt man beim Karma Yoga alle Handlungen aus, ohne auf den Erfolg zu schielen. Das ist vielleicht für dich schwer vorstellbar, nicht an deinen Erfolg oder Vorteil zu denken. Genau das jedoch entspannt dich und schützt dich vor Überforderung. Selbstbezogenes Ego-Yoga, das für sich etwas erreichen möchte, ist genau das Gegenteil von Karma Yoga. Auch Handlungen, die einen Effekt haben sollen, sind nicht Karma Yoga. Du erledigst Dinge, die getan werden müssen, mit dem Wunsch, sie als Dienst und aus Demut zu tun. Dadurch wird alles Handeln freudig und kommt allen und nicht nur dir selbst zugute:

Bhagavad Gita 3.19
“Drum tue immer das Werk,
das getan werden muss, ohne Verhaftung!
Denn durch Handeln ohne Verhaftung gelangt der Mensch zum Höchsten.”
Übertragung: Sri Aurobindo

Das funktioniert mit einer inneren Haltung der Gelassenheit, ist gleichzeitig das größte Geschenk des Karma Yoga und wirkt der Überforderung entgegen. Es entlastet dich, ständig Entscheidungen treffen zu müssen, du verzichtest auf Erfolg und opferst dein Ego-Bewusstsein. Im Gegenzug kommst du in den Flow und musst nicht mehr gegen den Strom schwimmen. Das bedeutet allerdings nicht, dass du Verantwortung abgibst und alles hinnimmst– nee, nee, nee! Dur verringerst durch gute Taten dein angesammeltes Karma und das führt dich zur Befreiung (Moksha), dem obersten Ziel des Yoga. So befreit siehst du, was richtig und falsch ist, was dir und allen gut tut und was eben nicht! Alle Arbeit ist Hingabe:

Bhagavad Gita 2.48
“Fest gegründet im Yoga, vollbringe deine Taten als einer,
der jegliche Haftung aufgegeben hat und gleichmütig geworden ist
hinsichtlich Misslingen und Erfolg!
Denn Ausgeglichenheit ist der Sinn des Yoga.”
Übertragung: Sri Aurobindo

Vorbildfunktion statt Überforderung

Bhagavad Gita 3.21
“Denn nach dem, was der Beste tut,
richten die einfachen Menschen ihr handeln.
Der Norm, die er aufstellt, folgen Völker.”
Übertragung: Sri Aurobindo

Keine Handlung bleibt ohne Wirkung, was ja Karma an sich beschreibt. Der Dienst an der Gemeinschaft ist immer Dienst am Höchsten und hat somit Vorbildfunktion. So wie die Eltern sich verhalten, tun es dann auch ihre Kinder, so wie der Chef ist, sind die Mitarbeiter. Wer also mit anderen Menschen zu tun hat oder Menschen führen darf, sollte moralisch einwandfrei leben, weil er immer auch andere mit seinem Tun beeinflusst. Das wiederum entlastet dich, nicht ständig Entscheidungen treffen zu müssen, weil du deinen moralischen Kompass klar erkannt und festgelegt hast – du entkommst genau damit der Überforderung. Dazu fand ich ganz erhellend Michael Winterhoffs Buch: “Mythos Überforderung”. Er erklärt darin das Verhalten heutiger Menschen und wie es dazu kommt, das es kaum noch Erwachsene gibt…

Mythos Überforderung

Viele Menschen leiden unter mangelnder Durchsetzungsfähigkeit in der Erziehung oder unter Konfliktangst im Beruf. Woher kommt das und wie lässt es sich ändern? Da immer weniger Menschen Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen, bleiben sie in kindlichen Verhaltensmustern stecken. Fazit: Es gibt kaum noch erwachsen handelnde Mitbürger. Ein solches, erwachsenes Verhalten zeichnet sich durch

  • Abgrenzung
  • Übernahme von Verantwortung
  • klaren Entscheidungen und
  • langfristigem Denken

aus. Ohne dieses Verhalten kann der Einzelne nicht mehr gut für sich und schon gar nicht für seine Kinder sorgen. Ist diesen Menschen etwas zu viel, werfen sie sich auf dem Boden und heulen rum, laufen davor davon oder geben einfach die Schuld anderen. So ist zur Zeit ein Großteil unserer Gesellschaft. Na, herzlichen Glückwunsch!

Wir legen uns die Schlinge zur Überforderung selbst und denken, wir wären die Opfer: Opfer unserer Erziehung, der Gesellschaft, der Politik. Das ist so schön einfach, aber wenn wir anfangen, uns selbst und unsere Bedürfnisse ernst zu nehmen, können wir uns daraus befreien. Michael Winterhoff beschreibt sehr anschaulich, wie wir zum “Mythos Überforderung” gelangt sind und benennt auch den Weg wieder heraus: Man kann den ständigen Reizen auch entsagen: Wann warst du beispielsweise mal allein, hast dich ausgiebig mit dir selbst beschäftigt oder warst ungestört im Wald spazieren? (Shinrin-yoku, japanisch für “Waldbaden”)

Erwachsen sein

“Mythos Überforderung” von Michael Winterhoff © Pengiun Books

Als Lösung nennt der Autor: “Einfach erwachsen sein”! Leider fühlt sich seine Analyse ganz so an: Jeder ist sich selbst der nächste, keiner mag gern eine endgültige Entscheidung treffe, alle eiern rum. Auch in der Politik wird alles ausgesessen, am Ende müssen die Bürger Initiativen gründen, wofür auch immer. Dabei sind unsere gewählten Volksvertreter doch eigentlich dafür da, für uns die besten Entscheidungen zu treffen – nicht für die Industrie und die Lobbyisten. Ich reg mich doch schon wieder auf!

Dumm gelaufen. Aber den Politikern die Schuld zu geben, ist wieder zu einfach. Jeder muss für seine eigene psychische Gesundheit sorgen, dann erst kann ein Wandel stattfinden:

  • Übernimm Verantwortung für dein Handeln.
  • Trau anderen mehr zu.
  • Lass es zu, dass andere wie Kinder/Partner/Mitarbeiter deine Entscheidungen nicht immer toll finden.
  • Man muss nicht alles Schönreden und nicht alles ist kuschelig!
  • Entwickel deine eigene Haltung – auch gegen Widerstände.

Und wäre da Yoga nicht eine wunderbarer Hilfe?

Wobei fühlst du dich im Leben überfordert? Hast du Vorbildfunktion für andere? Wie triffst du Entscheidungen? Buche gern für einen Austausch mit mir einen kostenlosen Zoomcall.
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Annette Bauer

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